Das arme Radio: NPR im Praxistest
Wer das National Public Radio verstünde, hätte Amerika verstanden.
Nach einem guten Jahr NPR bin ich, als alter Deutschlandfunk-Hörer, bei diesem Erkenntnisstand angekommen. In diesem Jahr hat mich das National Public Radio — genauer: sein New Yorker Ableger WNYC — beinahe täglich auf dem Weg zur Arbeit von Manhattan nach New Jersey und zurück begleitet, oder mir am Wochenende in der Küche unseres Apartments in der Lower East Side Gesellschaft geleistet. Ich habe sie jetzt im Ohr, die Namen und Jingles, von All Things Considered und der Brian Lehrer Show, der Morning Edition und On Point. Ich freue mich, wenn es heißt, gleich kämen zur vollen Stunde die Nachrichten, weil ich weiß, sie beginnen mit einem kernigen: From NPR News in Washington, I'm Jack Spear, wobei Jack Spear keinen Zweifel daran läßt, dass seine Eltern bei der Namenswahl dieses kernige I'm Jack Spear bereits im Ohr gehabt haben müssen.Mit der unvermeidlichen europäischen Blasiertheit würde ich das Niveau des Programms bei etwa 8 von 10 Punkten verorten, verglichen mit dem selbstverstänlich unerreichten Qualitätsstandard des Deutschlandfunks. Auf NPR wird mehr gelacht. Und die Hörer spielen eine größere Rolle: Die Institution des Call-In, wenn Hörer in der laufenden Sendung anrufen und ins Gespräch einbezogen werden, hat einen deutlich prominenteren Stellenwert als in Deutschland. Die Amerikaner sind auch souveräner und irgendwie leichtfüßiger, wenn es darum geht, mit langatmigen oder sonstwie merkwürdigen Anrufern umzugehen — auch die Anrufer sind in der Summe irgendwie »besser«, man möchte sagen: geradezu professioneller, weil der Call-In so fest in der Rundfunkwelt etabliert ist.Wer Amerika verstünde, würde erklären können, warum die immer noch größte Volkswirtschaft der Welt sich nur diesen einzigen öffentlichen Rundfunkkanal leistet, und auch diesen nicht wirklich: Anders als noch in den siebziger Jahren ist NPR nur noch zu etwa zehn Prozent aus Steuern finanziert. Und selbst diese zehn Prozent werden von den Republikanern erbittert bekämpft, weil sie dem Sendernetzwerk vorwerfen, liberal zu sein, also un-konservativ und mithin un-amerikanisch. Und so stammen neunzig Prozent der Einnahmen inzwischen aus Hörerspenden und von Sponsoren aus der Wirtschaft. Was natürlich Konsequenzen hat, denn anders als früher gibt es jetzt Werbung. Nicht wirkliche Werbung zwar, denn damit wäre ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Programms dahin, sondern eine Art dankender Erwähnung der Sponsoren, die alle paar Minuten das Programm unterbricht und nur dadurch etwas von ihrer Penetranz verliert, dass sie von der Stimme einer sehr jungen Frau verlesen wird, die nur nachlässig verbirgt, dass gleichzeitig ein feuchtes Stück Vanille-Eis auf ihren Lippen zerschmilzt.Wer Amerika verstünde... Natürlich kennt man die Furcht, wenn nicht Abscheu vor dem starken Staat und dem vermeintlichen Sozialismus, die auch dazu führt, dass es keine öffentliche Krankenversicherung gibt und die Straßen mitunter in schlechterem Zustand sind als in der DDR. Trotzdem wüßte ich gern, und ich muss meine amerikanischen Freunde mal danach fragen, ob sie angesichts des fortwährenden Bettelns um Geld wirklich glauben, dass dieses das überlegene System sei. Denn gebettelt — Pardon, Geld aufgetrieben, fundraising gemacht — wird regelmässig und professionell. Da gibt es den jährlichen großen Fundraiser, wenn sich das Radio über mehrere Tage in eine reine Klingelbüchse verwandelt, nicht ohne den schon Wochen vorher ausgestrahlten Hinweis, dass jeder, der schon jetzt spendet, den eigentlichen Fundraiser um einige Minuten verkürzen kann.Immerhin könnte man sagen, dass sie so auch zum Mond gekommen sind. Jedenfalls hielt Kennedy zu Beginn des Apollo-Programms seine Landsleute bei der Stange, indem er vorrechnete, die Sache koste jeden Amerikaner zur Zeit 40 Cent pro Woche, und bald werde man auf 50 Cent pro Woche hochgehen müssen.Das National Public Radio wäre günstiger zu haben. Bei einem Jahresetat von 180 Millionen Dollar wäre es weniger als ein Dollar im Jahr von jedem Amerikaner, und man könnte sich das ganze fundraising sparen. Ginge man hoch auf einen ganzen Dollar pro Jahr, kriegte man wohl sogar ein richtig tolles National Public Radio, mit einem schönen Proporz-Apparat oben drüber um die Republikaner zu besänftigen, und einem Netz von Auslandskorrespondenten zum Beispiel. In Ermangelung eines solchen Netzes kauft NPR derzeit pro Tag eine Stunde Programm von der BBC ein, nämlich die in Sachen Auslandskorrespondenz tadellose News Hour. Und wieder wüßte ich gern, ob das nicht manchem Amerikaner die Schamesröte ins Gesicht treibt — wie kommt es, dass Grossbritannien, jenes kleine Grossbritannien, von dem wir uns damals unter Schmerzen und mit viel Stolz abwandten, eine BBC hat, und wir nicht?Übrigens kommt — das sollte nicht unerwähnt bleiben — das richtig große Geld wohl von Nicht-Mehr-Hörern. Es gibt eine eigene Abteilung, die sich damit beschäftigt, reichen Amerikanern zu helfen, das National Public Radio in ihrem Testament zu bedenken. Dazu gehört ein regelmäßig ausgestrahlter Spot, in dem ein älteres Ehepaar erklärt, der Sender sei für sie nach so vielen Jahrzehnten fast wie ein zusätzliches Kind, dem man natürlich auch etwas hinterlassen wolle. So tat es auch Joan B. Kroc, die Witwe des Gründers von McDonald's, deren testamentarische Spende von 225 Millionen Dollar das National Public Radio womöglich vor dem frühzeitigen Aus bewahrte.Die Bekanntschaft mit NPR lehrt mich zweierlei: erstens eine deutliche Skepsis gegenüber jeglicher Art von voluntary payment — sei das nun Flattr, oder Wikipedia, oder überhaupt jede Art von Dienst, der sich durch Spenden finanziert. Nicht, dass solche Dienste nicht funktionieren könnten — viele wie zum Beispiel Wikipedia tun es — sondern man muss sich auch klar sein, welchen Preis man dafür bezahlt. Den Preis nämlich, auf Schritt und Tritt von der Aufforderung und dem schlechten Gewissen verfolgt zu werden: »Hast du schon gezahlt?« Offenbar sind wir so gestrickt, dass wir nur nach endlos häufiger Ermahnung Geld für die gute Sache geben. Es mag weniger Freiheit bedeuten, aber deutlich effizienter sein, wenn uns die Entscheidung, ob wir nun zahlen sollen oder nicht, aus der Hand genommen wird.Und das ist die zweite Lektion, die ich aus NPR ziehe: dass ich dem Herrn mit der Aktentasche von der GEZ bei der nächsten Gelegenheit vielleicht — einfach mal um den Hals falle.