On Public Archives

Whatever is said in public, ought to be archived in public.

I don't mean the option for each of us to get our tweets, posts, photos out of the silos to which we handed them. I mean publically searchable archives, the prerequisite of cultural memory.

Of course that's not happening anytime soon. (The fact that Twitter is archived at the Library of Congress is only a painful reminder of what's actually missing. Or has that deal also been cancelled? I wouldn't be surprised.)

It is something that should be mandated by government. Not happening anytime soon either, of course.

The question is, what would need to happen to our society for this to be established? Will we have a lost century, or only a few lost decades?

Das arme Radio: NPR im Praxistest

Wer das National Public Radio verstünde, hätte Amerika verstanden.

Nach einem guten Jahr NPR bin ich, als alter Deutschlandfunk-Hörer, bei diesem Erkenntnisstand angekommen. In diesem Jahr hat mich das National Public Radio — genauer: sein New Yorker Ableger WNYC — beinahe täglich auf dem Weg zur Arbeit von Manhattan nach New Jersey und zurück begleitet, oder mir am Wochenende in der Küche unseres Apartments in der Lower East Side Gesellschaft geleistet. Ich habe sie jetzt im Ohr, die Namen und Jingles, von All Things Considered und der Brian Lehrer Show, der Morning Edition und On Point. Ich freue mich, wenn es heißt, gleich kämen zur vollen Stunde die Nachrichten, weil ich weiß, sie beginnen mit einem kernigen: From NPR News in Washington, I'm Jack Spear, wobei Jack Spear keinen Zweifel daran läßt, dass seine Eltern bei der Namenswahl dieses kernige I'm Jack Spear bereits im Ohr gehabt haben müssen.

Mit der unvermeidlichen europäischen Blasiertheit würde ich das Niveau des Programms bei etwa 8 von 10 Punkten verorten, verglichen mit dem selbstverstänlich unerreichten Qualitätsstandard des Deutschlandfunks. Auf NPR wird mehr gelacht. Und die Hörer spielen eine größere Rolle: Die Institution des Call-In, wenn Hörer in der laufenden Sendung anrufen und ins Gespräch einbezogen werden, hat einen deutlich prominenteren Stellenwert als in Deutschland. Die Amerikaner sind auch souveräner und irgendwie leichtfüßiger, wenn es darum geht, mit langatmigen oder sonstwie merkwürdigen Anrufern umzugehen — auch die Anrufer sind in der Summe irgendwie »besser«, man möchte sagen: geradezu professioneller, weil der Call-In so fest in der Rundfunkwelt etabliert ist.

Wer Amerika verstünde, würde erklären können, warum die immer noch größte Volkswirtschaft der Welt sich nur diesen einzigen öffentlichen Rundfunkkanal leistet, und auch diesen nicht wirklich: Anders als noch in den siebziger Jahren ist NPR nur noch zu etwa zehn Prozent aus Steuern finanziert. Und selbst diese zehn Prozent werden von den Republikanern erbittert bekämpft, weil sie dem Sendernetzwerk vorwerfen, liberal zu sein, also un-konservativ und mithin un-amerikanisch. Und so stammen neunzig Prozent der Einnahmen inzwischen aus Hörerspenden und von Sponsoren aus der Wirtschaft. Was natürlich Konsequenzen hat, denn anders als früher gibt es jetzt Werbung. Nicht wirkliche Werbung zwar, denn damit wäre ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Programms dahin, sondern eine Art dankender Erwähnung der Sponsoren, die alle paar Minuten das Programm unterbricht und nur dadurch etwas von ihrer Penetranz verliert, dass sie von der Stimme einer sehr jungen Frau verlesen wird, die nur nachlässig verbirgt, dass gleichzeitig ein feuchtes Stück Vanille-Eis auf ihren Lippen zerschmilzt.

Wer Amerika verstünde... Natürlich kennt man die Furcht, wenn nicht Abscheu vor dem starken Staat und dem vermeintlichen Sozialismus, die auch dazu führt, dass es keine öffentliche Krankenversicherung gibt und die Straßen mitunter in schlechterem Zustand sind als in der DDR. Trotzdem wüßte ich gern, und ich muss meine amerikanischen Freunde mal danach fragen, ob sie angesichts des fortwährenden Bettelns um Geld wirklich glauben, dass dieses das überlegene System sei. Denn gebettelt — Pardon, Geld aufgetrieben, fundraising gemacht — wird regelmässig und professionell. Da gibt es den jährlichen großen Fundraiser, wenn sich das Radio über mehrere Tage in eine reine Klingelbüchse verwandelt, nicht ohne den schon Wochen vorher ausgestrahlten Hinweis, dass jeder, der schon jetzt spendet, den eigentlichen Fundraiser um einige Minuten verkürzen kann.

Immerhin könnte man sagen, dass sie so auch zum Mond gekommen sind. Jedenfalls hielt Kennedy zu Beginn des Apollo-Programms seine Landsleute bei der Stange, indem er vorrechnete, die Sache koste jeden Amerikaner zur Zeit 40 Cent pro Woche, und bald werde man auf 50 Cent pro Woche hochgehen müssen.

Das National Public Radio wäre günstiger zu haben. Bei einem Jahresetat von 180 Millionen Dollar wäre es weniger als ein Dollar im Jahr von jedem Amerikaner, und man könnte sich das ganze fundraising sparen. Ginge man hoch auf einen ganzen Dollar pro Jahr, kriegte man wohl sogar ein richtig tolles National Public Radio, mit einem schönen Proporz-Apparat oben drüber um die Republikaner zu besänftigen, und einem Netz von Auslandskorrespondenten zum Beispiel. In Ermangelung eines solchen Netzes kauft NPR derzeit pro Tag eine Stunde Programm von der BBC ein, nämlich die in Sachen Auslandskorrespondenz tadellose News Hour. Und wieder wüßte ich gern, ob das nicht manchem Amerikaner die Schamesröte ins Gesicht treibt — wie kommt es, dass Grossbritannien, jenes kleine Grossbritannien, von dem wir uns damals unter Schmerzen und mit viel Stolz abwandten, eine BBC hat, und wir nicht?

Übrigens kommt — das sollte nicht unerwähnt bleiben — das richtig große Geld wohl von Nicht-Mehr-Hörern. Es gibt eine eigene Abteilung, die sich damit beschäftigt, reichen Amerikanern zu helfen, das National Public Radio in ihrem Testament zu bedenken. Dazu gehört ein regelmäßig ausgestrahlter Spot, in dem ein älteres Ehepaar erklärt, der Sender sei für sie nach so vielen Jahrzehnten fast wie ein zusätzliches Kind, dem man natürlich auch etwas hinterlassen wolle. So tat es auch Joan B. Kroc, die Witwe des Gründers von McDonald's, deren testamentarische Spende von 225 Millionen Dollar das National Public Radio womöglich vor dem frühzeitigen Aus bewahrte.

Die Bekanntschaft mit NPR lehrt mich zweierlei: erstens eine deutliche Skepsis gegenüber jeglicher Art von voluntary payment — sei das nun Flattr, oder Wikipedia, oder überhaupt jede Art von Dienst, der sich durch Spenden finanziert. Nicht, dass solche Dienste nicht funktionieren könnten — viele wie zum Beispiel Wikipedia tun es — sondern man muss sich auch klar sein, welchen Preis man dafür bezahlt. Den Preis nämlich, auf Schritt und Tritt von der Aufforderung und dem schlechten Gewissen verfolgt zu werden: »Hast du schon gezahlt?« Offenbar sind wir so gestrickt, dass wir nur nach endlos häufiger Ermahnung Geld für die gute Sache geben. Es mag weniger Freiheit bedeuten, aber deutlich effizienter sein, wenn uns die Entscheidung, ob wir nun zahlen sollen oder nicht, aus der Hand genommen wird.

Und das ist die zweite Lektion, die ich aus NPR ziehe: dass ich dem Herrn mit der Aktentasche von der GEZ bei der nächsten Gelegenheit vielleicht — einfach mal um den Hals falle.

Put an orange hat on

Wer hätte gedacht, dass der Spaziergang über die Felder am Donnerstag — Thanksgiving — der einzige ausgedehnte und unschuldige bleiben würde? Das ausgewaschene Grün der Wiese, die klare Bläue des Himmels drüber, die graue Schraffur der blattlosen Bäume. Stehendes Wasser in einer Mulde. Bachlauf zwischen verdorrten Hochgräsern, glitzernde Lichtreflexe. Verstörend die Abwesenheit aller Insekten.

Ich kannte die Hochsitze natürlich, war auch auf einen mal raufgeklettert. Und in der letzten Woche, nachdem ich abends eine ganze Weile auf dem freien Feld herumgelaufen war, mir über die Landschaft den Kopf zerbrechend, hatte ich schließlich einen kleinen Geländescooter neben dem größten der Hochsitze entdeckt, und dass da wohl auch jemand drin war. Ich war etwas peinlich berührt weitergegangen, das Feld auf dem schnellstmöglichen Weg verlassend, und auf einem anderen Weg, der nicht mehr in Reichweite der Hochsitze lag, ins Dorf und zum Haus zurück. Nicht nur, dass der in dem Hochsitz vermutlich eine halbe Stunde lang die Hände gerungen hatte. Es war ja wohl auch davon auszugehen, dass ich mindestens eine Weile lang im Fadenkreuz eines schussbereiten Gewehrs gewesen war. Die Eingeweide krampften sich etwas zusammen bei dem Gedanken.

Kenntnisse eines Stadtmenschen. Ich nahm an, dass die Jäger wenn, dann nur in der Dämmerung auf der Lauer lägen. Was sich am Freitag mittag als falsch erwies. Ich war gerade so ungefähr bis zur Mitte des Feldes gekommen — wieder diese gewölbte Horizontlinie, dieses merkwürdige, wie soll ich sagen, Kraftfeld zwischen Himmel und Erde — als ich fast gleichzeitig aus dem Augenwinkel den Scooter neben dem großen Hochsitz sah, und wie aus dem anderen Hochsitz gleich vor mir jemand in einer signalroten Weste herunterkletterte und auf mich zukam, eine Gewehrtasche über der Schulter.

Wir hoben beide die Hand, als Zeichen, dass es zu reden gab.

Freundliche Vorstellung, Nennung des Namens, Handschlag. Täte mir leid, wenn ich störe; wohl gerade keine gute Idee, hier langzulaufen? I wouldn't do it without an orange vest on, und wies auf seine. Sei die Jagdsaison, bis zum zweiten Sonntag im Dezember, nur am Wochenende wären sie hier. Letzte Woche, hätte man ihm erzählt, sei auch schon jemand hier lang gelaufen, er vermute...? Kurze Klärung der Eigentumsverhältnisse — ihm gehöre der hintere Teil des Feldes, auf dem wir standen, und zu mir, und dem vorderen Teil des Feldes: Do you own it?No, just renting.Put an orange hat on, sagte er noch, undefinierbar, nicht unfreundlich, als wir uns abwandten.

Das nächste Mal ging ich bei Nacht. Es war sternklar, und ich hatte den Feldstecher dabei. Auf dem Fußweg die Anhöhe hinauf reicht es schon, das Display vom Smartphone einzuschalten und damit zu leuchten. Die nächsten ein, zwei Meter des Weges sind dann so gerade erkennbar, mehr ein Gradient in der Helligkeit, der aber ausreicht, dass man nicht abkommt vom Weg. Auf dem freien Feld kann man ja gehen, wohin man will. Und ja, die Sterne sind, wo sie sein sollen: Orion im Osten schon aufgegangen, gekippter als aus Mitteleuropa gewohnt. Das Sommerdreieck mit Deneb, Vega und Altair niedrig im Westen. Merkwürdig, die paar wenigen, bekannten Orte mit dem Feldstecher abzuschwenken: Pleiaden natürlich, und weiter. Die Hyaden, ja. Andromeda senkrecht über mir, mit dem bloßen Auge ein vager Nebelfleck, mit dem Feldstecher ein etwas weniger vager Nebelfleck. Für die Jupitermonde reicht's nicht, der Feldstecher in der Hand ist zu unruhig.

Und dann, von irgendwoher aus der Dunkelheit, das Schnauben von Damwild (ein Ausdruck, der kenntnisreicher klingt, als ich bin). Muss ziemlich nah sein. Nochmal. Ein flatterndes Geräusch, man glaubt förmlich, den kondensierenden Atem zu sehen. Aber sieht natürlich nichts. Muss sehr nahe sein. Was also tut ein Hirsch in der Dunkelheit, der mich vermutlich sehen kann, mit einem frei auf dem Feld stehenden Menschen? Vom Überranntwerden bis zur mystischen, streichelnden Kommunion zwischen Mensch und Tier scheint einiges möglich. Entschließe mich, das Flashlight am Smartphone einzuschalten, die gleißend helle LED, die den Akku mit einem Prozent pro Minute leersaugt. Das Licht erhellt einen Sektor von vielleicht zehn, zwanzig Metern Tiefe und wird dann von der Dunkelheit einfach verschluckt. Nur Gras, es sieht aus wie ein Glasfasergewebe in dem Licht. Kein Geräusch.

Auf dem Rückweg die Anhöhe hinunter, wieder nur mit Displaylicht, halte ich einmal kurz inne. Als hätte ich, hinter mir den Weg runterkommend, Hufgetrappel gehört. Nein. Einbildung. Wenn gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, ein Auto mit Fernlicht über die Kuppe kommt, werfe ich kurz einen deutlichen Schatten. Als würde mich jemand aus nächster Nähe mit einer Taschenlampe anstrahlen. Auch das ist nicht so.

Am nächsten Tag — das war gestern — ging ich noch bei Tageslicht, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Schließlich hatte auf der Webseite gestanden, dass Jagen im Staate New York nur zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang erlaubt sei, und ein bißchen was wollte ich schließlich auch noch haben von der Landschaft. — Und du würdest ernsthaft dein Leben darauf verwetten, dass »Sonnenuntergang« wirklich den astronomischen Sonnenuntergang bedeutet, und sich die Jäger an die Bestimmungen halten?— Es ist ja nicht Krieg. Die zielen ja nicht absichtlich auf Menschen. Sie müßten erstens wider Erwarten noch da sein, mich zweitens in der fast-schon-Dunkelheit sehen, mich drittens fälschlicherweise für ein Reh halten, viertens, obwohl sie nicht genau sehen, was es ist, abdrücken. Und fünftens treffen. Pah.

Ich nehme sicherheitshalber den Feldstecher mit. Auf der Anhöhe angekommen, wo noch ein einzelner niedriger, inzwischen kahler Baum zwischen mir und dem freien Feld steht, halte ich. Spähe durch das Astwerk des Baums hindurch auf die andere Seite des Feldes, wo der eine der beiden Hochsitze ist. Nehme den Feldstecher. Ist das der Hochsitz? In der Dämmerung ist es kaum auszumachen. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter, neben den Baum, knie mich hin, so dass die Wölbung des Feldes mir immer noch gegen die andere Seite Deckung gibt. Schaue mit dem Feldstecher dicht über die Kuppe hin, und tatsächlich, da ist der Hochsitz. Mehr ein Bretterverschlag in dem Baum. Und es scheint niemand drin zu sein. Natürlich. Die Luft ist rein.

Bin ich denn wahnsinnig?

Ich beschließe, dass der Weg die Anhöhe hinauf, dieser Korridor, der im Sommer wie eine Schneise durch den Urwald war, vor Insekten nur so summend, und wo jetzt die Gräser verdorrt und geknickt in den Matsch neben dem Weg gedrückt liegen, für heute genug Landschaft ist und gehe ins Dorf zurück, sehr sorgsam darauf achtend, mich nicht zu früh wieder aufzurichten. Nicht, bevor ich ganz in der Deckung bin.

Als ich das Haus fast wieder erreicht habe, raschelt es neben dem Weg im verdorrten Gras. Ich bleibe stehen. Wieder. Drehe mich um. Kaninchen, Fuchs vielleicht. Klatsche versuchsweise in die Hände. Nichts. Kein fluchtartiges Gewuschel im Gras. Einfach nichts. Gehe weiter aufs Haus zu. Und da raschelt es wieder.

Soziale Medien, mystisch gesehen

Alexander Pschera, 800 Millionen: Apologie der sozialen Medien. Matthes & Seitz, Berlin, 2011.

Man ist ja froh, wenn abseits der ganzen Privacy-Unkerei jemand darangeht, sich mit dem Netz intellektuell — und gar: philosophisch — auseinanderzusetzen. Wenn Philosophie draufsteht, kann freilich eine Menge drin sein, bis hin zu dem ungünstigsten Fall, dass jemand die Regler für Pathos und Metaphysik auf zehn stellt und munter drauflos schreibt. Bei Alexander Pschera passiert das zum Glück nicht, obwohl es manchmal zum Verwechseln danach aussieht.

Es passiert nicht, weil der Text stringent ist und auf ein klares Ziel hinaus will. Es passiert doch, weil man eine Menge metaphysischer Grundannahmen dem Autor einfach abkaufen muss, damit der Laden in Gang kommt — zur Disposition gestellt werden sie nicht.

Die zentrale These des Buchs ist diese: Die sozialen Medien sind keine Mode, denn dann würden sie wieder vorbeigehen, sondern sie sind modern, weil sie den Menschen in seiner metaphysischen Bestimmung anrühren und weiterbringen. Diese metaphysische Bestimmung ist — auch Pschera führt sie in Anführungszeichen ein — die »Liebe«.

Nun weiß man, dass Philosophen, wenn sie von »Liebe« reden, nicht das meinen, was wir alle sofort denken, sondern irgendeinen nebulösen, weiter gefaßten Begriff. Erklärt aber wird das hier nicht, und es wird auch nicht begründet, warum diese »Liebe« nun die Bestimmung des Menschen sein soll — es christelt ein wenig im Gebälk. Man muss sich darauf einlassen, und sei es in einer suspension of disbelief.

Tut man das aber, dann begegnet man einer Reihe von Gedanken, die es sich durchaus lohnt, im Kopf zu behalten: Zum Beispiel die These, dass das Netz die Fortsetzung der Urbanität mit anderen Mitteln ist, die wahre Metropolis, nachdem die physischen Metropolen bereits ihr Wachstum — qualitativ zumindest — vollendet haben. Dieser Gedanke führt Pschera auch zum Wiederlesen von Poes großartiger Erzählung »Der Mann der Menge«, die vor diesem Hintergrund fast schon unheimlich hellsichtig wirkt. Auch die Frage, was für eine Art von Masse die 800 Millionen bei Facebook sind, wird zumindest angerissen.

Aber ach, Facebook... der Autor kommt unverkennbar von dort, und es wäre wohl eine eigene Untersuchung wert, warum die Intellektuellen eigentlich alle bei Facebook aufschlagen und das viel spannendere Twitter bestenfalls als Zaungast beäugen. So auch hier. Zwar fördert Pschera die wirklich schöne »Zwitschermaschine« von Paul Klee zutage — ohne Zweifel die Blaupause von Twitter —, aber in seiner Analyse dessen, was Twitter eigentlich ist, greift er doch mehrere Dimensionen zu kurz. Er sieht eine Utopie des »Tirillierens« sich abzeichnen, eine subversiv-chaotische Form der Kommunikation, die das theatralische Verständnis der Wahrheit in etablierten Machtstrukturen unterläuft. Er übersieht dabei zum Beispiel, dass Twitter ebenso ein hochpräzises Informationsmedium ist, und über den Verweis auf externe Inhalte eine Art informations-logistischen Kitt des Netzes schlechthin darstellt.

Was außerdem stutzen läßt, ist die mindestens zweimal vorgetragene Behauptung, das Netz sei reine Gegenwart, es kenne keine Erinnerung und das Auswischen von Einträgen auf der Facebook-Pinnwand sei ein unwiderruflicher Akt (und ebendeshalb sei das soziale Netz der Liebe angemessen, die nur die Gegenwart kennt). Dabei ist es ja gerade umgekehrt: Das Neue, das mit dem Netz über uns hereingebrochen ist, und zu dem wir uns zu verhalten lernen müssen, ist, dass das Netz niemals vergisst und alles aufbewahrt bleibt. Das Vertrauen in die Löschfunktion von Facebook insbesondere zeigt eine Naivität, die einem Intellektuellen vielleicht zuzutrauen, aber nicht zu erlauben ist.

Nichtsdestotrotz, der Beitrag zur Privacy-Diskussion hat es wiederum in sich:

Vollendet Liebende haben genauso wenig eine Privatsphäre wie Heilige. Alles, was Heilige und Liebende tun, darf und muss sich als exemplum anschauen lassen. Das ist das utopische Gesetz von Facebook. (93)

Und schließlich, auf einer der letzten Seiten, dieses Resümee:

Die grundsätzliche Ablehnung der Technologie des sozialen Netzes ist eine Reduktion des Lebens selbst. [...] Der aufgeklärte Mensch, der Facebook für die Inkarnation des Bösen hält, offenbart nur den Groll, den er selbst schon lange gegen das Leben hegt, das ihm nun endgültig als schillernde, vielarmige und vielgesichtige Gottheit vor der Nase herumtanzt. (104)

Ja, auch so kann man es wohl sagen.

Public Parts: A Personal Review

Jeff Jarvis, Public Parts: How Sharing in the Digital Age is Revolutionizing Life, Business, and Society. Simon & Schuster, 2011.

I had been looking forward to this book for months. When it came out, I was glad I didn't have to camp in front of a bookstore to get my copy — it was delivered wirelessly to my e-reader a few seconds after publication. And yet, having read it, I cannot deny a mild sense of disappointment.

I feel a bit like a choir being preached to. I'm on Twitter, on Facebook, on Google+, and a host of other online services. I publish my precise physical location online, and I've got my own blog. I haven't yet written about my penis online, but would feel little restraint doing so, if the occasion arose. Oh, and perhaps I should mention I'm German and am quite comfortable sitting naked in the sauna.

Whenever a new service comes out that suggests to make further parts of my life public, my initial feeling is not so much one of anxiety, but rather of curiousity. I'm eager to try things out.

So maybe I'm not quite the intended audience of the book, which might be those who are still tip-toeing into the new kind of public sphere that is developing, or those who are critical of it.

Alas, I don't think this works. In my experience, irrespective of age, social background, or even culture, people fall squarely into two camps: those who are curious about publicness, and try things out, and those who are not. If someone belongs to the second camp, I have found that no reasoning whatsoever, no carefully compiled list of advantages, and no enthusiasm could persuade them to venture into publicness beyond a half-hearted first attempt that quickly fades.

»It is futile to try and explain a thought to someone for whom a hint is not enough«, said Nicolás Gómez Dávila. And one of my German Twitter acquaintances quipped: »The digital divide is not between us and those who don't get it, it is between us and those who couldn't care less.«

I would, therefore, consider it still very much up in the air whether the desire to share, which Jarvis so enthusiastically celebrates in his book, is really a fundamental human instinct that is only inhibited because we did not grow up in an environment that enabled it, or whether it is just a trait of a rather limited group of people.

For those like me who are in the publicness camp, the book is what Germans might call a »Konsensschmöker« — a tome of consent. It is exciting to read, not least because it kindles one's sense of being part of all sorts of fascinating developments, the outcome of which we probably cannot even begin to imagine. »We ain't seen nothing yet«, as Jarvis exclaims. And he quotes Leah Marcus with what became one of my favorite passages: »Renaissances happen by infrequently enough that they should be enjoyed in the process. I, for one, await the Cyberspace Renaissance with great interest, and hope to live to see its zenith.«

This nicely sums up the spirit of the book. Unfortunately, beyond this enthusiasm, it offered little additional food for thought to me.

A View of the WTC

For what it's worth, here's my view of the new World Trade Center Tower from my usual walk to the subway. It's the tiny silhouette in the center with the two cranes on top forming a »V«.

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I always get a bit of a lump in my throat when I see it. From all the drawings and computer renderings of it that I've seen, I cannot help but feel it will be an ugly, ugly building.

When I was a little boy growing up in Germany in the nineteen seventies, the Twin Towers were fascinating to me. I saw them in books, I saw them on TV, and the parents of a friend had actually travelled to New York and brought home a Super 8 movie of Manhattan and these Towers. I wondered if I would ever be so rich that I could afford going there.

It certainly was a boyish fascination I had with these highest buildings in the world. But when I found myself on a field in Scotland a little while ago, in a circle of upright stones that had been standing there longer than the pyramids of Egypt, it occured to me that there really is something to such vertical structures. Something I would call, for lack of a better word: human — partly ingenious, partly foolish, maybe just plain phallic, but certainly human in all of that.

By the time I first came to New York, the Towers no longer existed.

And it turns out they're not needed anymore. Businesses are no longer as dependent on their geographic location as they were in the seventies; there is no need to concentrate everything on that small, narrow island of Manhattan — or anywhere else, for that matter. At the price which the office space in the new World Trade Center will cost if the building is to be profitable, it looks like few companies will bother setting up shop there.

The right answer to this, I think, would have been splendour. Something which the initial design by Daniel Libeskind had: A glass tower with a garden inside, reaching up to those symbolic 1776 feet, its shape resembling the Statue of Liberty across the harbor — now that would have been something. The design on which they agreed instead is about as ugly as US politics, and as inspiring as the abandonment of human space flight.

I could be wrong. When the Twin Towers were initially built, everybody seems to have hated them as well. The new building, when it is actually, physically there, might acquire a radiance of its own. And the United States, for that matter, have been able to reinvent themselves several times during their history already. It remains to be seen whether they can do so again.

The Two Sides of Circles

I'm puzzled by the circles in plus. (Funny how about ten days ago, nobody would have known what I was talking about.)

Circles are a good tool for reading. They allow you to divide your stream into a number of channels so you can more easily focus your attention.

But circles are bad for sharing. For one thing, if you want to keep something private to a certain group of people, circles provide a deceptive, if not dangerous illusion of that. We all know it's not the case, it can't be guaranteed, but less technical people might still be tricked into that old fallacy that anything could remain private on the internet.

And there are other concerns. For example, someone suggested that bilingual plussers such as me should put contacts into circles according to their language. One circle for English, one for German, and the like. When you share something, you share it to the language circle in which the posting is written — this way, people are not bothered with content they do not understand. The problem is: Who am I to make that call? How should I know what languages people speak, and what languages they want to be bothered with? Most Germans are fine with an occasional post in English. And I have even met Americans who will not flee in panic when facing a post in a language they do not understand.

It would be much better to let the reader decide. The language in which a post is written can be detected automatically rather easily. Users could then be given an option to filter what languages they want to see. Or even better, posts could be auto-translated for users who want that. They should be clearly marked as auto-translated, of course, and maybe it should only be done after an explicit push of a button. You've got the technology, Google — please plug it in!

But the problem, exemplified here with languages, extends everywhere. I see people on plus who explain that they keep technical, geeky stuff to a circle of geeks. Photography stuff to a circle of photographers. Movie stuff to a circle of movie lovers. All of these posts and conversations are thereby removed from the public. This precludes any chance of people listening in on these conversations, perhaps joining, extending their reach. It takes away from one of the most important aspects of the internet — a redefinition of what the public sphere is.

I would encourage people to share to public. I would encourage Google to give us excellent search and filter tools for the reading side.

I'm sure you've got what it takes, Google.

Optimized for Coziness: Initial thoughts on Google+

Everybody's excited about Google+ and I, too, could not wait until the somewhat arcane invitation process finally let me in, after about 24 hours of trying, waiting, and trying.

I'm always fascinated how seemingly minor adjustments of parameters bring about entirely new forms of communication. Why don't you just make a phone call?, we asked, when the text message was invented. But of course, a text was something very different from a phone call – more indirect, and strangely more constrained, yet also more concentrated than verbal communication. Why don't you just send an e-mail? But of course, a text is quite different from an e-mail, because it reaches the recipient instantaneously, usually alerting them with an audible signal to its arrival.

When Blogs, Twitter, and Facebook came up, the power of one-to-many was given to individuals. Everybody could suddenly speak in such a way that the entire world might hear it. Of these mechanisms, Twitter seems the most fascinating to me, with its asymmetric attention structure (you don't need to follow me if I follow you), and, most of all, its 140 character limit. This is so outright brilliant it could only have been invented by accident.

In this world, where individuals can suddenly talk to the whole planet, the length limit allows for a manageable economy of attention. You can't talk my ear off, unless I specifically allow you by clicking the link you put in your tweet. But even more important is that the 140 character limit forces people to think a lot about what exactly they are going to say. The result being that Twitter is an oasis of wit, of fun, of brilliance at times, and altogether an intelligent medium.

Facebook handles these two critical areas exactly the other way round, and thus gets them wrong. Listening to somebody is tied to the in this case awkward concept of »friendship«, which means it is symmetrical: You have to friend me if I want to friend you. This causes people to hang around with, and listen to those they know, rather than extend their reach. Facebook is the people you went to school with – Twitter is the people you wished you went to school with, as somebody put it brilliantly on, of course, Twitter. And besides, there is no length limit on Facebook posts (well, there is one, but a much larger one than on Twitter). There is thus a lot less effort involved in creating a Facebook post. People need to think less, and it shows. Facebook, on the average, feels dull and boring.

In the light of this, the interesting question to me seems what communication structure Google+ establishes. What mode of communication does it suggest, what does it encourage?

Well, firstly, it gets the asymmetry of attention right. I can put you in a circle, but you don't need to do anything in reverse. You will notice that you captured my attention, which is an important part of extending one's communication reach, but other than that, you can ignore me for now, or forever. G+ does attempt to make this more fine-grained, however, allowing me to put people into different circles, for friends, for family, or strangers from out there in the net. I can then choose which of these circles I want to share with, unless I choose to make my posts public for everybody.

I have little use for these circles, I think. For me, the whole point of communicating in the network is to publish, to speak to, potentially, everybody, and let listeners decide whether they find interesting what I have to say. Circles and selective sharing might make G+ more family-friendly and group-cozy, but they add nothing to the fascinating, new, emerging communication patterns that are currently redefining the very concept of what the public sphere is.

The other important characteristic of G+ is that there's no length limit. It therefore does not enforce the radical discipline of Twitter, and contributions are therefore bound to be more verbose, less concentrated, less to the point, and therefore less witty, less brilliant on G+.

Comparing my Twitter timeline to my G+ stream, Twitter is an amazingly concentrated source of highly relevant information, very efficiently organized, augmented with precise pointers to places outside of it. G+, by comparison, is lots of white space and outright clumsiness: »xyz originally shared this post«. It does not help that re-sharing an article doubles it in the streams of all those who already saw the first version, something that Twitter's built-in retweet feature got right a long time ago. Sharing a photo drops it right into the stream itself, pushing everything else away, and sharing a simple link produces a hard-to-understand mess of no less than three different paragraphs. A search function for streams is something we can only hope for (rather optimistically perhaps, given that this thing was created by Google). Chronological ordering of the stream? Let's hope for that too.

Some of these quirks might be ironed out soon, but it does not take away from my general impression that G+, for all of its admirable slickness in the UI, does not come along as an efficient engine for exchanging information on a global scale.

Ultimately, the value of a medium depends on the quality of the information that it produces, or to put it more colorful: the information that chooses to live in it. Surprises will happen. It is doubtful that Gutenberg, when he invented the printing press, envisioned the Critique of Pure Reason being enabled by it. When Twitter's creators first played with their tiny little text messages, they surely did not expect it would be such an excellent tool for the emerging communications structure of the 21st century. When something as stupid as Facebook was created, who would have thought that almost a billion people would be just fine with it.

I will, therefore, remain curious about G+, excited even, and surely be hanging around there. For the time being, however, I really wish there would be nicely built bridges to and from Twitter for it.

Lesen im Dunkeln

Als ich vor fünf Jahren ein Buch mit dem Titel »Die Befreiung der Information« schrieb, war ich überzeugt, dass die E-Books eine Kuriosität bleiben würden. Eine Spielerei, bestenfalls eine Ergänzung zu den richtigen Büchern auf Papier. Umberto Eco war mein Kronzeuge gewesen, der es in seinem Vortrag zur Wiedereröffnung der Bibliothek von Alexandria hervorragend auf den Punkt gebracht hatte: Das Buch, so stellte Eco damals gelassen fest, sei als Technologie nicht verbesserbar. Anders als seine elektronischen Imitate braucht es keinen Strom, ist unempfindlich gegen die ruppigste Behandlung, und allein die Annahme, ein elektronisches Display könnte auch nur annähernd die Lesequalität einer gedruckten Buchseite erreichen, schien mir mit Eco so abwegig, dass ich keinerlei Zweifel hatte, dass die gedruckten Bücher in absehbarer Zeit praktisch konkurrenzlos bleiben würden.

Und wen diese technische Überlegenheit noch nicht überzeugt hätte, der würde spätestens bei den rechtlichen Unwägbarkeiten, die mit den E-Books heraufdämmerten, in mitleidiges Lächeln verfallen. Ein Buch, das man weder verleihen noch weiterverkaufen kann, ja, das unter Umständen sogar bei Nacht und Nebel aus dem eigenen Bücherregal verschwindet? Auf die Idee, einem sowas andrehen zu wollen, konnten nur dümmliche Online-Versandhäuser kommen. Die Leser, die richtigen Leser, würden schon bei den richtigen Büchern bleiben.

Ich habe mich geirrt.

Was mir nicht auffiel, als ich die Stärken des gedruckten Buchs aufzählte obwohl es tatsächlich unbestreitbare Stärken sind waren die Stärken des elektronischen. Ein gedrucktes Buch darf in den Sand fallen, ein E-Book lieber nicht geschenkt.

Aber ein E-Book kann man im Dunkeln lesen.

Vielleicht war es um mich geschehen, als mir das klar wurde.

Da ist die Überlegenheit der Papierseite vor jedem Display. Keiner stellt sie in Frage. Aber ist das Lesen am Bildschirm wirklich unzumutbar? Oder ist es ein Preis, den die Leser zu zahlen bereit sind, wenn ihnen klar wird, dass sie all ihre Bücher in Zukunft ständig bei sich tragen können? Dass der Text dieser Bücher augenblicklich durchsuchbar ist, und man unbekannte Wörter per bloßem Fingerzeig nachschlagen kann?

Die Menschen haben schon aus geringeren Gründen die Technologie gewechselt.

Es ist eine erstaunliche Erfahrung, in diesen Tagen durch die Elektronik-Abteilungen zu streifen (besonders auf internationalen Flughäfen und vielleicht weniger in Deutschland): Überall Lesegeräte in Hülle und Fülle, nebeneinander aufgereiht, mit den Displays um die konzentrierten Blicke der Leser buhlend. Wer geglaubt hätte, dass das Lesen auch und gerade das Lesen längerer Texte, denn für nichts anderes sind diese Geräte, im Unterschied zum gewöhnlichen Laptop oder Tablett ja gedacht eine aussterbende Fertigkeit wäre, der sieht sich hier eines besseren belehrt. Ein Volk von Lesern, das zu neuen Ufern aufbricht? Es könnte sein. Die Markenvielfalt scheint jedenfalls zu belegen, dass es sich hier nicht um ein paar wenige Unternehmen handelt, die den Leuten neuen elektronischen Schnickschnack andrehen wollen, sondern doch eher um einen Paradigmenwechsel in der Galaxis des geschriebenen Wortes.

Es kommt dabei zu Konflikten. Konzerne wie Amazon oder Apple finden sich plötzlich in der Rolle der Türsteher wieder und können nicht zuletzt deshalb, weil ihnen die etablierten Verlage zu lange das Feld überlassen haben entscheiden, was E-Book werden darf und was nicht. Plötzlich müssen die Kämpfe um Meinungsfreiheit und Zensur aufs neue gekämpft werden, wenn etwa Amazon versucht, erotische Titel zu zensieren, oder ausgerechnet eine Ausgabe von Orwells »1984« über Nacht aus den digitalen Regalen seiner Kunden löscht.

So inakzeptabel solche Vorgänge auch sein mögen, können sie doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das persönliche Regal, auch das digitale, ein Anachronismus ist. Die Frage, in welchem Speicher sich das Buch gerade befindet, ist ein reines Caching-Problem. Bücher müssen und werden im Netz leben, und die Probleme, die wir uns damit einhandeln (also alle Fragen der Lizenzierung, des Kopierschutzes und so weiter, mit anderen Worten: wie man mit Dingen umgeht, die man nicht anfassen kann) sind leider unvermeidbar.

Jedoch, dass da einmal eine Zeit war, in der die Bücher also der geschriebene Output unserer ganzen Zivilisation noch nicht vollständig im Netz verfügbar und einsehbar waren, eine Zeit also, in der man Fragen wie die von Google Ngram noch nicht stellen konnte, wird unseren Kindern einmal ganz unverständlich erscheinen.

Von einem geistig ernstzunehmenden Menschen wird man erwarten, dass er sich flüssig in den digitalen Räumen bewegt. Ein Intellektueller mit Zellulose im Regal das könnte bald ebenso untragbar sein wie Musils Ingenieur mit Taschenuhr.

Energie: Eine Frage der Perspektive

(There is also an english version available.)

Als ich in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts aufgewachsen bin, war »Energie« das, womit Papas Auto fährt und wodurch es im Winter zuhause warm ist. Allerdings unkte man damals, dass diese Energie irgendwann, möglicherweise schon bald, aufgebraucht sein könnte, und dann wären wir ziemlich arm dran und müßten uns mit Windmühlen und Solarzellen behelfen, die nie auch nur annähernd so effizient sein könnten wie die »richtige« Energie.

Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich gelernt habe, dass es gerade andersherum ist. Ich verdanke das vor allem den Büchern von R. Buckminster Fuller, die mein Nachdenken über Energie und über unsere Zivilisation mehr verändert haben als irgendetwas zuvor. Heute sind Fullers Einsichten in weiten Bereichen längst im Mainstream angekommen und gelten als offensichtlich. Dennoch treffe ich in Gesprächen immer wieder auf Menschen, die von Fullers Überlegungen genauso verblüfft sind wie ich es war, als ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Ich will darum versuchen, eine kleine Zusammenfassung seines Argumentationsgangs zu schreiben, unterfüttert mit ein paar Links, um Fullers Argumente zu belegen.

Es gibt keine Energiekrise, nur eine Krise der Unwissenheit. - R. Buckminster Fuller

Fast die gesamte Energie, die uns auf der Erde zur Verfügung steht, kommt aus einer einzigen Quelle: der Sonne. Während unsere Wissenschaftler bislang vergeblich versuchen, das Feuer der Kernfusion zu entfachen, haben wir bereits einen funktionierenden Fusionsreaktor direkt vor unserer Haustür. Er befindet sich in einem komfortablen Sicherheitsabstand von 150 Millionen Kilometern von uns, und wir sind durch einen raffinierten, ausgeklügelten Schutzschirm vor den gefährlichen Anteilen seiner Strahlung geschützt: den Van-Allen-Gürtel. Dieser Fusionsreaktor produziert Abermilliarden mal mehr Energie, als unsere Zivilisation jemals nutzen könnte. Selbst der winzige Anteil dieser Energie, der unsere kleine blaue Murmel namens Erde trifft, ist einige tausend mal größer als der gegenwärtige Weltenergieverbrauch.

So gut wie alle Formen der Energie, die wir kennen, sind mehr oder weniger indirekte Formen dieser Sonnenenergie. Wind ist Luft, die von der Sonne unterschiedlich stark erwärmt wurde. Wenn wir Propeller in diesen Luftstrom stellen, dann benutzen wir die Atmosphäre wie eine Art gigantische Turbine, die von der Sonne angetrieben wird. Wasserkraft (hydroelektrische Energie) entsteht durch Wasser, das von der Sonne verdampft wurde, um dann als Regen oder Schnee auf geringfügig höherem Niveau wieder abgelagert zu werden.

Fossile Brennstoffe (Kohle, Gas, Öl) sind die konzentrierten Überbleibsel der Photosynthese. Feuer ist, wenn sich die Sonne von einem Baumstamm abspult, wie Fuller es ausdrückte. Es ist eine gespeicherte Form von Sonnenenergie. Tatsächlich ist es eine hochkonzentrierte Form von Sonnenenergie, deren Aufbau Millionen von Jahren dauerte. Das ist der Grund, warum sie so bemerkenswert effizient ist, und warum es so einfach ist, die Energie aus dieser Form der Speicherung freizusetzen. Die Vorräte an fossilen Brennstoffen sind jedoch endlich, und ihre Menge ist winzig verglichen mit dem, was die Sonne uns jeden Tag vor die Tür liefert. Es ist eine meiner Lieblingszahlen: Die Menge aller noch in der Erdkruste befindlichen fossilen Brennstoffe entspricht etwa zwanzig Tagen Sonnenschein.

Man kann fossile Brennstoffe daher als eine Art »Kick Starter« für eine Zivilisation betrachten: sehr einfach zu aktivieren und zu benutzen, aber nur in sehr geringer Menge vorhanden. Es scheint gerade genug von ihnen zu geben, damit eine Zivilisation die Technik entwickeln kann, um die wirkliche Quelle der Energie anzuzapfen: die Sonne selbst.

Photovoltaische Zellen heutiger Technologie, verteilt über eine Fläche von etwa der Größe Deutschlands oder Pennsylvanias, würden den Weltenergiebedarf decken, wenn sie sich in der Nähe des Äquators befänden. Man gehe ein bißchen vom Äquator weg, mache sie ein bißchen größer und verteile sie ein wenig über die Erde, und unsere Energieversorgnung ist gesichert. Es ist richtig, dass einige Probleme noch gelöst werden müssen: Zum Beispiel brauchen wir bessere Kurzzeit-Speicher für elektrische Energie, damit Sonnenenergie besser auf der Nachtseite der Erde genutzt werden kann. Manche unserer Technologien müssen umgestellt werden, damit sie durch Elektrizität anstatt durch Verbrennungsmotoren angetrieben werden können. Das alles ist vorstellbar, machbar mit nur sehr geringer Erweiterung unserer gegenwärtigen technischen Möglichkeiten.

Das, was wir Kernenergie nennen, ist hingegen eine recht merkwürdige Art, Energie aus Materie freizusetzen. Der Brennstoff von Kernspaltungsreaktoren (Uran) ist ebenfalls eine indirekte Form von Sonnenenergie. Uran ist ein schweres Element, das in den Fusionsreaktoren mehrerer Generationen von Sternen über mehrere Milliarden Jahre hinweg erzeugt wurde. Auch aus dieser Form der Speicherung können wir die Energie freisetzen, aber das erzeugt Stoffe, die für uns hochgefährlich sind, und mit denen wir bislang in keiner Weise umgehen können -- außer sie möglichst tief in der Erde zu vergraben und zu vergessen. Ich finde, das klingt nicht sehr überzeugend.

Es ist richtig, dass die Technik uns eines Tages ermöglichen könnte, das Problem der nuklearen Abfälle zu lösen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die technologische Lücke, die wir schließen müßten, um die direkte Sonnenenergie tragfähig zu machen, sehr viel kleiner ist als die Lücke, die einer langfristigen Nutzung der Kernenergie im Wege steht. Angesichts der Tatsache, dass wir geradezu ertrinken in einer Form der Energie, die einfach so auf uns herunterscheint, halte ich es für offensichtlich, welches die vernünftigste Technologie ist, in die wir investieren sollten.

Als mir diese Dinge klar wurden, fand ich es zunehmend merkwürdig, wenn nicht sogar irreführend, dass wir Energieformen wie Wind, Wasser, und auch die Sonnenstrahlung selbst als »erneuerbare Energien« bezeichnen. Es klingt wie eine Verlegenheitslösung, als wären sie ein Notbehelf und ein armseliger Ersatz für die »richtige« Energie, die uns leider abhanden gekommen ist. Dabei ist es ja gerade umgekehrt: Fossile Brennstoffe sollten als das bezeichnet werden, was sie sind: eine vorläufige Energie, ein Kick Starter, um das nächste Level zu erreichen. Wirkliche Energie gibt es auf der Sonne, unserem großen Fusionsreaktor am Himmel, und das noch ein paar Milliarden Jahre lang.

Wie bereits erwähnt, verdanke ich diesen Gedankengang im wesentlichen den Büchern von R. Buckminster Fuller. Als Einstieg empfehle ich sein Hauptwerk »Critical Path«, und da besonders das Einleitungskapitel. Hier sind seine Ideen am besten entwickelt, die Summe eines lebenslangen Nachdenkens. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist »Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde«, das sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfügbar ist (sogar im Volltext online). Allerdings erreicht es nicht ganz die Exzellenz von »Critical Path«.

Eine sehr ausführliche Besprechung von »Critical Path«, einschließlich langer Passagen aus dem Buch selbst, findet sich hier (ebenfalls englisch).